Wolfgang Meyer

Wolfgang Meyer wurde 1948 in Osnabrück geboren. Er widmet sich seit vielen Jahren der Literatur. Bevorzugte Arbeitsgebiete sind Lyrik und Kurzgeschichten. Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften. Preisträger verschiedener Lyrikwettbewerbe. Er leitet seit mehr als zehn Jahren die Literaturgruppe "Schriftroll"

 

 

 

 

 

Osnabrücker Totentanz
Was hat die städtischen Planer und Architekten dazu bewogen, öffentliche Toiletten in die Erde zu verfrachten? Waren es praktische, ästhetische oder andere städtebauliche Gründe, oder wollte man die notwendige menschliche Körperentleerung vertuschen, totschweigen, aus dem urbanen Leben verbannen.
Eine solche Anlage gibt es noch in dieser Stadt. Auf kirchlichem Neustadtgrund, nahe der mächtigen nach obenhin strebenden Kirchengothik. Die Dinge sind also wohlgeordnet.
Nun haben unterirdische Toiletten keine Fenster für den Abzug der schlechten Luft. Ein Loch durch die Decke zu stemmen war die Lösung. Aus Sicherheitsgründen setzte man eine Abluftsäule darauf,
gestaltete sie künstlerisch im Stile der Zeit. Fertig, einfach wie genial.
Süffelkarl, von allen so genannt und seit Jahren mittel- und obdachlos, hatte sein Revier just oberhalb der Bedürfnisstätte. Einige Sachen  konnte er somit rasch erledigen, andere wiederum musste er sich ständig erkämpfen.
An einem diesigen, mit leichtem Dauerregen durchflutenden Morgen kam er schneller als gewöhnlich von seinem täglichen Rundgang durch die Fußgängerzonen zurück, umkurvte wie immer „seine Säule“, schaute auf die bekannten  Darstellungen der Verblederkacheln und las laut die Inschrift auf der Bekrönungsumrundung:
„Der Tod frisst alle Menschenkind`,
fragt nicht wes Stand und Ehr`sie sind.
Der Tod fragt nicht nach Zeit,
würgt alt`und junge Leut`“.
Ein Schwall ekeligen Gestanks erfasste Karls Nase. Zwar kannte er nur zu gut diese seltsamen Gerüche, wenn in der Innenstadt die Schwaden von Fritösenfett, Parfümerien und Modeklamotten aufeinander trafen. Aber das hier übertraf alles, was da aus der Entlüftung kam. Ihn wurde übel, er lief schneller um die Säule, nicht mehr in der Lage klar zu denken, umklammerte bei halbem Bewusstsein wie in Trance die Rundung wie bei einem Totentanz, sackte schließlich zu Boden und verstarb.
Die Ermittlungen  der Behörden ergaben keine eindeutige Erklärung. Eine angeordnete Luftmessung in dem untererdigen Bereich der Toilette sowie auch oberhalb zeigte lediglich den normalen Ekelgestank, für abgestumpfte Städternasen kaum wahrnehmbar.
In Süffelkarls Totenschein wurde vermerkt, dass seine angegriffene Leber, alkoholbedingt, und eine durch sein unstetes Leben bedingteHerzschwäche das plötzlich Ableben verursacht hätten..
Der Bericht eines beauftragten Gutachters wurde nicht weiter verfolgt. Er besagte: „Trotz enormer  Verdünnung der WC-Abluft können Bakterien und Viren noch in größerem Abstand in der vorherrschenden Windrichtung Erkrankungen auslösen“.
Süffelkarl  ist mangels Angehöriger auf Kosten der Stadt beerdigt worden.
Die Neustadtkirchengemeinde gedachte in einem Bittgottesdienst des Verstorbenen. In der Predigt sprach der Priester von der gesunden, klaren Luft der Schöpfung, die Menschen durch ein achtsames Leben erhalten müssten. Der WC-Entlüftungsturm steht seitdem unterDenkmalschutz.
Wolfgang Meyer, 19.2.2018